Sie wollte keine Schauspielerin spielen

Mittwoch, 9. Januar 2013

© Roland Magunia
Bisher lehnte sie es ab eine Schauspielerin darzustellen. "Habe ich öfter angeboten bekommen", sagt Suzanne von Borsody und fragt: "Was ist denn eine Schauspielerin? Das ist doch meistens eine Klischeevorstellung von außen. Wir sind alle unterschiedlich, genau wie Zahnärzte, wie Fotografen - oder Journalisten. Was wäre das denn, ein typischer Schauspieler?" Die Qualität der Tragikomödie "Der letzte Vorhang" überzeugte die mehrfach ausgezeichnete Charakterdarstellerin und sie machte eine Ausnahme. Ab dem 10. Februar liefert sie sich nun im Ernst Deutsch Theater mit Guntbert Warns das Rampen-Duell zwischen Lies und Richard, deren Vornamen nicht zufällig an Hollywoods Skandal- und Traum-Paar Taylor/Burton erinnern. Für ihre Darstellung in der Koproduktion mit dem Renaissance-Theater erhielt Suzanne den Publikumspreis des Berliner Theaterclubs "Goldener Vorhang 2012". Maria Goos, schrieb und entwickelte "DOEK!" ("Vorhang!") mit den Darstellern der Uraufführung Loes Luca und ihrem Mann, dem Schauspieler Peter Blok. "Sie weiß einfach, worüber sie schreibt, und beschreibt mit geschultem Auge und genauer Wahrnehmung uns Schauspieler als Menschen", sagt Suzanne von Borsody. "Goos erzählt vor allem eine große Liebesgeschichte. Es geht um Fragen, die sich jeder stellt: Was wäre, wenn ich damals anders gehandelt hätte? Lies hat die Notbremse in der zerstörerischen Beziehung nach dem Muster 'Sie küssten und sie schlugen sich' gezogen und sich, wie Richard findet, in die Ehe mit einem Langweiler geflüchtet."
Sich mehr und mehr warmredend, gibt Borsody eine kleine Probe davon, wie man sich eine Schauspielerin ihres Formats vorstellt. Sie macht die Bibliothek im Hotel The George zur Bühne, sprengt mit ihrer Direktheit und Präsenz, der volltönenden Stimme und raumgreifenden Gesten fast den kleinen Raum, umgarnt mit langen mäandernden Sätzen den Gesprächspartner und fesselt ihn. Lässig in Bluse, Pullover und Blue Jeans gekleidet, rutscht sie im Redeeifer aus dem breiten Chippendale-Sofa und macht es sich auf dem Boden bequem. Ist ein Mensch wie du und ich.
"Als Bonus-Material gibt es noch die Diskussionen zwischen Schauspielern auf der Bühne für alle im Publikum, die nichts mit diesem Beruf zu tun haben", sagt die Tochter von Rosemarie Fendel und Hans von Borsody. Sie kennt sich also bestens aus. "Ich bin damit groß geworden, das war doch für mich ganz normal, ich kann gar nicht beurteilen, wie anders das ist", sagt sie und bringt einen ihrer wortreichen Vergleiche: "Es ist, als ob ein Kind mit Eltern aufwüchse, die fliegen können. Das scheint ihm doch selbstverständlich, bis jemand von außen kommt und staunt: Oh, deine Eltern, die können ja fliegen! Bis dahin ist es ihm gar nicht aufgefallen. Natürlich gingen bei uns Berühmtheiten aus und ein. Aber ich habe gelernt, dass es egal ist, was jemand für Orden hat. Es kommt auf den Menschen an, der sie trägt."
Der Schauspielerberuf hat für Suzanne vor allem mit Suchen zu tun. Nach dem Schlüsselsatz, dem Grundgedanken oder dem Bild, das ihr eine Figur und deren fremdes Leben in einem Probenmoment eröffnet. "Es geht im Theater um Antworten auf die Fragen, warum, wann und wie eine Person etwas tut. Habe ich einmal die Grundierung für sie gefunden, kann ich weitermalen." Jetzt spricht aus der darstellenden die bildende Künstlerin, die Borsody ebenfalls ist. "Ich bin keine Hobbymalerin, ich wollte ursprünglich Malerin werden und bin ausgebildet." In Leipzig lief 2012 ihre erste Ausstellung mit Bilder-Zyklen im fotorealistischen Stil.
"Ein Schauspieler ist mit einem Privatdetektiv und Psychoanalytiker zu vergleichen", argumentiert sie für die Normalität ihres Berufs weiter. "Er muss allerdings seine Ergebnisse nach außen tragen und sinnlich in eine audiovisuelle Situation auf der Bühne übertragen können." Womit wir wieder beim Talent und eben - der Kunst wären, die bekanntlich von Können kommt und deren Gelingen ebenso vom Partner abhängt. "Wir spielen ja nicht gegeneinander, sondern miteinander."
Seit über 30 Jahren kennen Guntbert Warns und sie sich bereits. "Wir haben öfter zusammen gespielt und vor der Kamera gestanden." Zuletzt in Hartmut Griesmayrs Fernsehfilm "Schicksalstage in Bangkok". "Wir sind einander vertraut, und jeder freut sich über das, was der andere auf der Bühne macht. Ich lerne auch seinen Text. Es ist wie ein zweihändiges Klavierstück, das wir spielen."
Sicherlich, Suzanne von Borsody ist eine Schauspielerin. Sie ist aber vor allem eine außergewöhnliche, humorvolle, kluge und (selbst)kritische Frau und eine erfahrene, vielseitige Künstlerin mit mehreren Facetten. Sie malt, präsentiert Lesungen, bespricht Hörbücher, dreht, spielt, engagiert sich auch als Unicef-Botschafterin. Was nur schlagend Suzanne von Borsodys Behauptung untermauert: Schauspielerin ist eben doch nicht gleich Schauspielerin.